WIR BERICHTEN: Am 8.2.26 kamen Mitglieder und Gäste des DAB SH zu einem Besuch des Museums Tuch + Technik zusammen, um dort durch die Sonderausstellung „Mütter des Grundgesetzes“ geführt zu werden. Die Ausstellung wurde auf Bundesebene als Wanderausstellung konzipiert und zeigt schwarz-weiß Fotografien von Erna Wagner-Hehmke, die 1948 von der Landesregierung Nordrhein-Westfalens beauftragt wurde, die Arbeit des Parlamentarischen Rats zu dokumentieren. Wagner-Hehmke hielt sowohl die entscheidenden Meilensteine der schwierigen Verhandlungen als auch den Alltag der verfassungsrechtlichen Arbeit fotografisch fest.
Bei Beginn der Führung stellte sich allerdings schnell heraus, dass es eine Führung durch das gesamte Haus werden sollte. Durch ein Kommunikationsmissverständnis wurde unsere Gruppe für den Besuch der Dauerausstellung "Tuch +Technik" eingetragen. Auf uns wartete Herr Schättger, der uns die Geschichte des Tuchhandels und die Entwicklung der Tuch- und Webtechnik im Laufe der Jahrhunderte nahebringen wollte. Da viele von uns die Dauerausstellung noch nicht kannten, wurde schnell die situative Entscheidung getroffen, neugierig auf die Tuchtechnik zu sein und uns danach die Sonderausstellung anzuschauen.
So tauchten wir zunächst in die Geschichte des Tuch- und Webhandwerks in Neumünster ein: entstanden im 12. Jh. als kleines Kirchspiel um das Augustiner Kloster herum, entwickelte sich Neumünster im Laufe der Jahrhunderte zu einem bedeutenden Zentrum der Web-und Tuchfabrikation. Auf dem Höhepunkt der Industrialisierung prägten bis zu 40 Fabriken mit ihren rauchenden Schornsteinen das Stadtbild, bevor der Niedergang des Standortes begann. 1991 musste die letzte Fabrik ihre Tore schließen. Einer dieser Mitarbeiter konnte uns im Museum die Funktion der letzten großen Industriemaschinen zeigen, ein ohrenbetäubender Lärm! Er berichtete vom damaligen Arbeitsalltag: Eine Maschine produzierte bis zu 90 Dezibel, was sich in der Halle mit vielen Maschinen potenzierte. so dass die Arbeiter am Ende alle taub wurden.
Begonnen hatte alles mit der Ansiedlung von Bauern um den „Flecken“ im Zentrum Neumünsters herum. Spinnen und Weben gehörte zum Alltag. Man benutzte zunächst Spindeln und Gewichtswebstühle, bis im 13. Jahrhundert aus der flandrischen Textilregion technische Neuerungen wie Spinnrad und Trittwebstuhl hinzukamen. Am Spinnrad zeigt unsere Schriftführerin Berrin ihr Naturtalent.
Weiterhin befinden sich Exponate in der Halle, die die Verarbeitung von Rohwolle über den Krempelsatz zu Vorgarn deutlich machen. Zwirnmaschinen und verschiedene Arten der Webstühle, wie Handwebstühle, elektrisch betriebene Webstühle oder der in Frankreich erfundene Jackard-Webstuhl zeigen die anstrengende Arbeit, die heute noch von Mitarbeiterinnen stundenweise geleistet wird. Eine Weberin in Ausbildung demonstrierte uns dies fachkundig direkt an den Geräten. Die schönen und selbst hergestellten Endprodukte werden im Museumsshop ausgestellt und können dort erworben werden.
Im Anschluss dieser unverhofften Führung ging es auf die Galerie, um uns die Sonderausstellung anzuschauen. "Die Mütter des Grundgesetzes" ist eine vom Helene Weber Kolleg für das Bundesministerium konzipierte Wanderausstellung. Sie soll die Bedeutung der vier Frauen hervorherben, die gemeinsam mit 61 Männern im Parlamentarischen Rat das Grundgesetz für Deutschland erarbeiteten und ohne die der Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" dort keinen Eingang gefunden hätte. Das Museum Tuch + Technik zeigt die Wanderausstellung unter dem Titel "Der Weg zum Grundgesetz".

Die Fotografien von Erna Wagner-Hehmke beindruckten durch ihre Nahbarkeit und ästhetische Klarheit, mit der Motive, Personen und der Prozess der Gesetzesfindung atmosphärisch eingefangen wurden. Besonders die Kunsthistorikerinnen unter uns waren erfreut über die hohe Qualität der Fotografien. In Grüppchen standen wir vor einzelnen Motiven und waren beeindruckt vom damaligen Zeitgeschehen. Erinnerungen der älteren Generation wurden mit den jüngeren Mitgliedern geteilt.

Neben der bekannten Fotografie, welche die vier Parlamentarierinnen Frieda Nadig, Elisabeth Selbert, Helene Weber und Helene Wessel am Tisch versammelt zeigt (Foto links: © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland), bekamen wir durch die Bilder unmittelbare Einblicke in die konstituierende Sitzung des Parlamentarischen Rats, aber auch von der umgebenden Alltagsatmosphäre: wartenden Reporter und Fahrer, Pausenverköstigung im Hotelcafé, Gespräche der Abgeordneten am Rande des Geschehens. Erfreulich zusehen: auch wenn nur vier Frauen dem parlamentarischen Rat angehörten, so fanden sich wesentlich mehr Frauen im Zuschauerrang. Der Satz von Frieda Nadig in der Bundestagsrede am 27.11.1952 "Bei der Verkündigung des Grundgesetzes und des in ihm enthaltenen Artikel 3 ging eine freudige Bewegung durch die Reihen der Frauen" bekommt so Anschaulichkeit.
Zum anschließenden Mittagessen trafen wir uns schließlich im daneben liegenden Restaurant Johann & Amalia, wo wir mit einer eingedeckten Tafel herzlich willkommen wurden und bei entspannter Atmosphäre sofort ins Gespräch kamen. Von Herrn Schättger bekamen wir jeweils noch einen Abdruck der Originalschrift des Grundgesetzes nachgereicht, was vor allem die politisch interessierten Mitglieder von uns sehr freute.

Fazit: Die Sonderausstellung verdient auf Grund des Themas und der Qualität der Fotografien eine expliziete Sonderführung, das Museum Tuch + Technik ist besonders mit einer Führung und den Demonstrationen der Techniken absolut einen Besuch wert, und ein anschließender Restaurantbesuch ist allein schon durch das nette und aufmerksame Personal sehr zu empfehlen. Alles in allem war es wieder ein sehr gelungenes Beisammensein.
