Oper von Francis Poulenc (1899-1963), Dialogues des Carmélites (Gespräche der Karmeliterinnen), Aufführung des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters in Flensburg

2026 Dialog der Carmeèlites PXL 20260510 143747338.MPEine Oper mit einem katholischen Thema im weitgehend evangelischen Norden ist an sich schon ungewöhnlich, umso mehr da sie im 20. Jhdt. entstanden ist. Gleichzeitig liegt die Oper offensichtlich im Trend. Diesjährige Aufführungen gibt es in Stuttgart, der Semperoper in Dresden, dem Badischen Staatstheater Karlsruhe, dem Saarländischen Landestheater und der Bayerischen Staatsoper, die Liste ließe sich mit weiteren Aufführungen im In- und Ausland fortführen. Das hiesige Landestheater befindet sich also in bester Gesellschaft. Warum gerade jetzt dieses Interesse an einem eher schwierigen Thema?

Der Hintergrund

Das Libretto beruht auf einer historischen Begebenheit während der französischen Revolution. Am 17. Juli 1794 bestiegen 16 Ordensschwestern des Karmel von Compiègne das Schafott, nachdem sie wegen „konterrevolutionärer Versammlungen“, „fanatischer Briefwechsel“ und „freiheitsbedrohlicher Schriften“ zum Tode verurteilt worden waren. Während eine nach der anderen der Guillotine zum Opfer fiel, sangen sie Psalmen und Hymnen, bis die letzte von ihnen verstummte. Die ansonsten bei Hinrichtungen tobende und blutrünstige Menge verfolgte das Geschehen schweigend und voller Betroffenheit.

Gertrud von le Fort (1876-1971) nutzte den Bericht der einzigen überlebenden Nonne als historischen Rahmen für ihre 1931 erschienene Novelle „Die letzte am Schafott“. Gedacht war die Novelle als Mahnung gegen die gesellschaftlichen Veränderungen durch den aufkeimenden Nationalsozialismus. Die Handlung der Oper basiert auf dieser Novelle, wurde aber von Poulenc deutlich gestrafft und thematisch fokussiert.

Der Inhalt

Die junge Adlige Blanche de la Force wird von schweren Angststörungen gequält, die von Vater und Bruder als irrational angesehen werden. Im von strengen Regeln geprägten Leben der Ordensgemeinschaft im Kloster der Karmeliterinnen sucht sie Zuflucht und Sicherheit. Sie nimmt den Namen „Blanche von der Todesangst Christi“ an. Die Klostergemeinschaft wird ein Raum außerhalb der Gesellschaft, in dem sie nicht nach überwiegend männlichen Vorstellungen beurteilt wird. Ihre gefühlte Sicherheit entsteht also vor allem durch die Gemeinschaft der Frauen und ihrer Akzeptanz der zum Leben gehörenden Angst. Im Zuge der Revolution wird das Kloster gestürmt und die Nonnen werden aufgefordert ihre Klostergemeinschaft aufzugeben, die Schwestern bleiben. Blanche flieht aus dem Kloster, nachdem die Schwestern das Gelübde des Märtyrertodes abgelegt haben. Das Kloster wird geräumt, die Schwestern inhaftiert und zum Tode verurteilt. Blanche erfährt von dem Todesurteil und kommt zum Hinrichtungsplatz, um den Schwestern in den Tod zu folgen.

Die Oper ist in den 50er Jahren entstanden (Fertigstellung 1956) und hat, entgegen der damaligen Gepflogenheiten, einen tonalen Charakter. Poulenc empfand das als richtige Basis für die Gespräche der Schwestern.

Die Kernfrage

Die Oper spielt während der Französischen Revolution, in der die Welt für Adel und Klerus aus den Fugen geraten ist. Poulenc legt den Fokus in das Innere der Klostermauern als einer eigenen Welt außerhalb der Gesellschaft. Die Außenwelt dringt anfangs nur gedämpft nach innen, doch der Schutzraum wird immer stärker bedroht und am Ende zerstört.  Poulenc spiegelt das Geschehen vor allem in den Gesprächen der Karmeliterinnen wider. Die Kernfrage Poulencs ist eine aktuelle: was können wir tun, wenn die Welt um uns herum aus den Fugen gerät? Vor der Hinrichtung stärkt die Priorin im Kerker die Schwestern in ihrem Glauben und dem Vertrauen das Richtige zu tun. Die Revolutionäre könnten ihnen nichts nehmen, dessen sie sich nicht selbst vor langer Zeit entäußert hätten. Die Karmeliterinnen von Compiègne haben ihre Antwort auf Poulencs Frage gegeben.

Poulenc hat eine wirkmächtige Oper zu einem zentralen Thema menschlichen Lebens geschaffen: Die Auseinandersetzung mit der Angst und dem unausweichlichen Tod. Er deutet in der Oper an, dass die Akzeptanz des Todes die Erlösung von der ewigen Angst sein kann. Gerade die Szene der Hinrichtung zeigt dies in der Figur der Blanche, die ihren Schwestern folgt.

Die Aufführung

Die Aufführung in Flensburg war mitreißend sowohl musikalisch als auch in der Inszenierung. Selbst der Ausfall des Sängers des Beichtvaters wurde spontan von einem Chormitglied vom Blatt singend übernommen. Der Sänger spielte trotz Erkältung seinen Part auf der Bühne. Das gesamte Ensemble überzeugte in seiner Darbietung. Ein kleiner Punkt störte mich nur am Rande: Ich hätte gut auf die Andeutung einer lesbischen Beziehung zwischen einer Schwester und Blanche verzichten können, da sie meiner Ansicht nach nur Vorurteile bedient und vom eigentlichen Thema ablenkt. Aber diese Art der Interpretation liegt im Trend. Die Stuttgarter Aufführung zeigt beispielsweise eine feministische Interpretation. Meiner Ansicht nach ist die Oper schon so großartig und aktuell, sie benötigt keine ergänzenden Aktualisierungen. Insgesamt war es ein sehr gelungener Abend, der die Besucher nach dem Verstummen der letzten Schwester ergriffen zurückließ. Es dauerte eine geraume Zeit, bis der begeisterte Applaus aufkam. Der Aufführung sind noch viele Besucher zu wünschen, es lohnt sich!

Dr. Mechtild Freudenberg